Thilo Schmidt | Journalist aktualisiert am 17.04.2017
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BUNDESWEITES SCHMIDTEINANDER
 
Von Kati Obermann
 
„Wir sitzen bundesweit". Thilo Schmidt geht zügig und aufrecht und redet von seiner Familie. Er macht große Schritte. Vier Brüder sind sie. Und der Vater. Der ist seit dem frühen Tod der Mutter, „einer Löwenmutter", Mittelpunkt des eingeschworenen Männerclans. Wenn der große, schmale, 27 Jährige von seinem „Papa" erzählt, wird die Stimme weicher. Ein Internist sei der. Im nächsten Buchhandel der stolze Beweis. Der junge Mann greift ein medizinisches Fachbuch aus dem Regal. Autor: Günter Schmidt. „Das ist mein Vater." Laut sagt er das und richtet sich dabei etwas auf.
 
Er selber will beruflich mit seiner Stimme arbeiten, vielleicht Radio machen. Auf jeden Fall die Welt verbessern. Und vielleicht seinem Vater beweisen, dass er stolz sein kann auf ihn.
 
Wir gehen ins nächste Cafe. Es sind mindestens 30 Grad im Schatten. Thilo Schmidt trägt eine lange dunkle Hose und teure Schuhe. Er trägt überhaupt nur lange Hosen. Und gebügelte Hemden. Und erklärt mir, daß er seine Schuhe zum Schuster bringt, „weil sich das bei guten Schuhen einfach lohnt". Dabei zupft er sich einen Fussel vom Hemd. Unter seinem Arm klemmt eine klassische schwarze Ledermappe. Darin neben einem Päckchen Zigaretten, wohlgeordnet, ein Notizblock, ein schwarzes Porternonnaie und ein Lederetui, dem er - nur für eine schnelle Notiz „ehe ich 's vergesse" - einen Kolbenfüller entnimmt.
 
Studiert hat der ehemalige Juso am renommierten Berliner Otto-Suhr-Institut, „der Politologenschmiede". Jetzt hängt er noch ein Volontariat an der Evanglischen Journalistenschule dran. „Für’s nötige Handwerkszeug". Der Lebenslauf liest sich glatt: Erst bei den Jusos, dann zügiges Politikstudium, nebenher Arbeiten für's Radio und jetzt das Volontariat. Keine Lücken, kein Schlendern, keine biografischen Irrwege. Thilo Schmidt weiß, was er will. Und was er nicht will. Zum Beispiel: Für die Springer-Presse schreiben. Oder: Zurückgehen in die siegerländische Provinz. Die nämlich hat ihn „total eingeengt".
 
Beim Thema Lieblingsmusik sagt er spontan: Hannes Wader, Reinhard Mey, Konstantin Wecker - die deutschen Liedermacher eben. Warum gerade die? Dieses Mal überlegt er lange. So, als müsse er abwägen, ob er einen intimen Schatz preisgeben oder lieber verbergen sollte. Dann die zögerliche Antwort: „Vielleicht ist es das Gefühl, daß man mit seinen Träumen nicht alleine ist."
 
Er blickt abwesend auf den Tisch und hängt seinem Gedanken nach. Verschwunden ist die Attitüde des erfolgreichen Jungjournalisten. Also doch ein heimlicher Romantiker? Schon - aber ein zielstrebiger, ein pragmatischer Romantiker, der von der besseren Gesellschaft nicht nur träumen möchte. Und einer, der allem Aktivismus zum Trotz zuweilen von „Weltschmerz" heimgesucht wird. Dann, so sagt er, will er mit sich alleine sein. An seinem VW 1600 rumschrauben oder sich einfach zuhause zwischen Biedermeier und Ivar verkriechen.
 
Mit einer ruckartigen Kopfbewegung reißt er sich von den schwermütigen Gedanken los, kehrt zurück in die „normative Welt". Seine Stimme wird wieder straffer, seine Bewegungen hektischer, der Oberkörper bäumt sich fast beim Reden. Er blickt auf die Uhr. Hastig raucht er eine Gauloise, und spielt mit seinen Händen erst an der Schachtel, dann am Feuerzeug. Er sitzt auf der Stuhlkante, wie zum Absprung.
 
Eben hat ihm ein Interviewpartner ein Gespräch zugesagt. Eher zufällig hatte er bei einer Übung einen kleinen Berliner Skandal anrecherchiert. Der lässt ihm keine Ruhe. Vielleicht kann man die Welt ja gleich heute verbessern.
 
Dieses Portrait entstand im Rahmen der Lehreinheit „Portrait“  
im 5. Jahrgang der
Evangelischen Journalistenschule Berlin, 2003